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Sensomotorische Schuheinlagen: „Schlüssel zu mehr Mobilität“

Sie fahren Rad, spielen Fußball, gehen tanzen – aber nur wenn es ihre Motorik zulässt. Sie sind Menschen mit Down Syndrom. 90 Prozent der Trisomie-Patienten haben Fußfehlstel­lungen, die zu Fehlbelastungen von Skelett und Muskulatur führen. Langfristig bedeutet dies negative Veränderungen des Skeletts, der Muskulatur und der Haltung, die zu Bewegungseinschränkungen und Schmerzen führen. Dabei gibt es eigentlich eine bewährte Lösung: sensomotorische Einlagen. Diese sorgen nämlich dafür, dass sich die Motorik des gesamten Körpers verbessert und die Lebensqualität der Betroffenen wieder steigt. Das Problem: Trotz nachweislicher Erfolge werden diese Schuheinlagen bislang nur von einigen Krankenkassen übernommen.

 „Es ist einfach toll – dass Rick trotz seiner Behinderung jetzt so gut, schnell und sicher laufen kann, hätten wir nicht erwartet“, sagt Anne Buchholz, die Mutter von Rick. Ihr Sohn hat das Down-Syndrom. „Unsere Ärztin hat uns die sensomotorischen Einlagen damals empfohlen. Ich hatte vorher noch nie davon gehört und kannte nur normale Schuheinlagen. Aber dass es auch solche gibt, die die Muskeln aktivieren und bei Ricks Symptomen so gut helfen – das hätte ich nicht gedacht.“

 Sensomotorische Einlagen verbessern den Gang und die Motorik des Trägers. Insbesondere bei Trisomie 21 oder neurologischen Erkrankungen, bei Paresen oder Spastiken, aber auch Fußfehlstellungen wie dem kindlichen Knickfuß erzielen die Einlagen schnell messbare Erfolge: Patienten gehen aufrechter, sicherer – und zunehmend schmerzfrei. „Die Sensomotorik ist der Schlüssel zu mehr Mobilität und einem verbesserten Gangbild“, erklärt Ruth Kamping, Fachärztin für Orthopädie und Kinderorthopädie. „Im Gegensatz zu klassischen Schuheinlagen dienen die sensomotorischen Einlagen nicht nur der statischen Abstützung. Sie stimulieren durch sensorische Impulse gezielt bestimmte Rezeptoren in der Fußsohle und aktivieren damit entsprechend Muskeln und Muskelgruppen. Das hat Einfluss auf die gesamte Statik und Motorik des Körpers.“

Was simpel klingt, ist in Wahrheit hochkomplex: Sensomotorische Einlagen sind technologisch anspruchsvolle Schuheinlagen, deren Herstellung maximale Präzision und hohes orthopädie-schuhtechnisches Know-how erfordert. Die sogenannten aktiven Einlagen zeichnen sich durch eine starke Profilierung mit sogenannten Pelotten aus, die millimetergenau in der Oberfläche eingearbeitet sind. Sowohl die Härte als auch die Höhe der einzelnen Elemente variieren je nach Fuß-Areal, Alter des Patienten und Beschwerdebild. Die stimulierenden Elemente werden individuell angeordnet und setzen somit gezielte Reize. Aus diesem Grund sollten die Einlagen auch unbedingt von einem ausgebildeten Orthopädie-Schuhtechniker angepasst und gefertigt werden. Kamping ergänzt: „Der Fuß ist hochsensibel. Das Nervensystem des Trägers reagiert mit einer Ver­änderung des gesamten Muskeltonus. Muskeln und Muskelgruppen werden beim Gehen, Laufen oder Stehen aktiviert, Gelenkpartien werden entlastet und das Gangbild verbessert. Fehlhaltungen können dadurch langfristig korrigiert werden.“

Sichtbare Erfolge für Klein und Groß

„Vor allem Patienten mit Down Syndrom sagen häufig nicht, dass sie Schmerzen haben. Aber man sieht es ihnen an: An ihrem Gesicht, an ihrer Haltung und an ihren Bewegungen“, weiß Philipp Radtke, Landesinnungsmeister des Innungsverbands für Orthopädie-Schuhtechnik Nordrhein-Westfalen. „Mithilfe der Einlagen sind die Patienten schon nach kurzer Zeit mobiler und selbstständiger. Das verbessert die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen enorm.“ Auch langfris­tige Schäden wie Arthrosen oder Lähmungen werden verhindert. Klassische Schuheinlagen können diese Wirkung nicht erzielen: Da sie den Fuß nur statisch abstützen, kann die Muskulatur sogar erschlaffen.

Sensomotorische Einlagen helfen auch Patienten mit Fußfehlstellung, die häufig zu Beschwerden an Knien, Hüfte, Achillessehne oder Rücken führen. So etwa beim kindlichen Knickfuß: Die Mus­kelketten werden dadurch besser ausbalanciert und Gelenke entlastet. „Auch wenn die Einlagen zunächst gewöhnungsbedürftig sind, sind sie so individuell angepasst, dass Kin­der sie nach kurzer Zeit gar nicht mehr bemerken“, sagt Radtke. „Hierzu wird der Fuß aufwendig ver­messen und die einzelnen Druckpunkte bis auf den Millimeter genau gesetzt. Im Anschluss wird die Einlage mehrmals angepasst, ehe sie fertiggestellt wird. Nach ein bis zwei Wochen spüren die Kinder die Einlagen nicht mehr und nach kurzer Zeit verbessert sich das Gangbild. Die Anpassung erfolgt immer individuell auf die Beschwerden und Bedürfnisse des Patienten abgestimmt.“

Krankenkassen zahlen nicht

Trotz nachweisbarer Erfolge werden die sensomotorischen Einlagen bislang nur von wenigen Krankenkassen übernommen. Der Grund: Der medizinische Nutzen sei wissenschaftlich nicht anerkannt. Eine Studie durchzuführen, die den Spitzenverband der Krankenkassen zur Übernahme der Kosten bewegen könnte, wäre mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden. Auch bestimmte Orthesen mit senso­motorischem Fußbett gehören zum Leistungspaket vieler Krankenkassen – obwohl diese deutlich teurer sind als sensomotorische Einlagen. Zahlen Eltern und Betroffene die Einlagen aus eigener Tasche, ist die finanzielle Belastung hoch. „Wer Fehl­haltungen von Kindern langfristig korrigieren will, muss mit jeder neuen Schuhgröße auch eine neue Einlage an­schaffen“, ergänzt Radtke. „Viele Eltern nehmen enorme bürokratische Hür­den bei ihren Krankenkassen in Kauf oder zahlen die Einlagen selbst. Das würden sie nicht tun, wenn die Einlagen nichts bringen würden. Umso wichtiger ist es, Betroffene in Zukunft stär­ker zu entlasten.“

Die pronova BKK ist in Deutschland bislang eine der wenigen Krankenkassen, welche die Kosten für sensomotorische Einlagen übernimmt. „Insbesondere wegen ihrer präventiven Vorteile, sehen wir sensomotorische Einlagen als wichtige Ergänzung für das Hilfsmittelverzeichnis“, erklärt Peter Weiler, Vertragsreferent Hilfsmittel bei der pronova BKK. Gemeinsam mit dem Innungsverband Orthopädie-Schuhtechnik NRW war die Krankenkasse daher eine der ersten Kassen, die einen Vertrag zur Übernahme der Kosten geschlossen hat. „Wir haben bei der inhaltlichen Ausgestaltung des Vertrags auf fachlicher Augenhöhe mit dem Innungsverband zusammengearbeitet und konnten dadurch gemeinsam sowohl die Kundinnen und Kunden als auch die nachhaltige Steigerung der Versorgungsqualität in den Fokus rücken“, so Weiler.

Qualitätsstandards für die Herstellung

In den vergangenen Jahren haben unseriöse Anbieter mit minderwertigen Produkten die aktiven Einlagen in Verruf gebracht. „Dass Krankenkassen keine sensomotorischen Einlagen als kassenärztliche Leistung übernehmen wollen, die viel zu teuer abgerechnet werden und die am Ende gar nichts bringen, ist absolut nachvollziehbar“, resümiert Radtke. Auch Online-Händler, die den Patienten nicht persönlich untersuchen, stellen ein Problem dar. „Manche Unternehmen bieten industriell vorgefertigte Einlagen an. Wie soll das bitte gehen bei ganz individuellen Fehlhaltungen?“ Die Leistung deshalb nicht anzuerkennen, sei aber dennoch der falsche Weg. „Es muss ganz klare Qualitätsstandards geben, damit sichergestellt ist, dass die Einlagen von qualifizierten Orthopädie-Schuhtechnikern stammen, die ihr Handwerk verstehen.“

Weil das Anfertigen sensomotorischer Schuheinlagen sehr komplex ist und ein hohes Maß an Präzision und Know-how erfordert, ist eine entsprechende Weiterbildung notwendig. Zum Beispiel wird in Nordrhein-Westfalen eine vierteilige Schulung vom Innungsverband Orthopädie-Schuhtechnik Nordrhein-Westfalen organisiert. Um einen einheitlichen, hohen Qualitätsstandard sicherzustellen, werden drei der vier Module vom unabhängigen Innungsverband durchgeführt; der vierte Teil von Experten aus der Industrie mit langjähriger Erfahrung in der Anpassung und Fertigung sensomotorischer Einlagen. Erst nach erfolgreichem Abschluss aller vier Teile, erhalten die Teilnehmenden ein entsprechendes Zertifikat als Nachweis ihrer Kenntnisse. Außerdem führt die Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung (GHBF) Weiterbildungen zum Thema Sensomotorik für Ärzte durch.

Weitere Informationen zu sensomotorischen Einlagen sowie eine Video-Reportage über Familie Buchholz und ihre Erfahrungen mit den sensomotorischen Einlagen, finden Sie unter:

www.os-nrw.de/senso

Über den Innungsverband Orthopädie-Schuhtechnik Nordrhein-Westfalen:

Der Innungsverband ist der Dachverband der beiden Innungen für Orthopädie-Schuhtechnik Rheinland/Westfalen und Ostwestfalen/Lippe und der größte Landesverband in der Bundesrepublik Deutschland. Als Innungsverband vertreten wir die Interessen der Mitgliedsinnungen sowie deren Mitgliedsbetrieben gegenüber Politik, Spitzenverbänden der Krankenkassen, Ärzte-, Therapeuten- und Patientenverbänden und der Industrie. Mitglieder des Innungsverbandes sind die Innung für Orthopä­die-Schuhtechnik Rheinland/Westfalen und Orthopädie-Schuhtechnik Ostwestfalen/Lippe. Insgesamt sind den beiden Innungen rund 600 Mitglieder angeschlossen.

Innungsverband Orthopädie-Schuhtechnik Nordrhein-Westfalen im Web

Webseite: https://os-nrw.de/

YouTube: https://www.youtube.com/@orthopadie-schuhtechnik7883

Über die pronova BKK:

Die pronova BKK ist aus Zusammenschlüssen der Betriebskrankenkassen namhafter Weltkonzerne wie BASF, Bayer, Continental und Ford entstanden. Bundesweit für alle Interessierten geöffnet, vertrauen der Krankenkasse rund 650.000 Versicherte ihre Gesundheit an. Ob über den rund um die Uhr erreichbaren Telefonservice, per Videoberatung, über die App, via E-Mail, im Chat oder in den 60 Service-Centern vor Ort – die pronova BKK kümmert sich jederzeit um die Anliegen ihrer Kundinnen und Kunden. Weitere Informationen auf pronovabkk.de.

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